IG Metall fordert 5 Prozent mehr Geld für Beschäftigte & Azubis Tarifrunde 2026 bei Volkswagen nimmt Fahrt auf

Die Tarifkommission der IG Metall bei der Volkswagen AG hat heute ihre Forderung für die Tarifrunde 2026 einstimmig beschlossen.

Volkswagen IG Metall Flagge


Gefordert werden 5 Prozent mehr Entgelt bei einer Laufzeit von zwölf Monaten – gleiches gilt für die Ausbildungsvergütungen. Darüber hinaus soll das Tarifergebnis eine soziale Komponente enthalten, die insbesondere den unteren Entgeltgruppen zugutekommt.

Damit folgt die Tarifkommission der Forderung der IG Metall in der Metall- und Elektroindustrie. Der Gleichklang mit der Fläche hat bei Volkswagen Tradition. Seit rund zwei Jahrzehnten orientiert sich die Entgeltaufstellung des Haustarifvertrags eng an den Abschlüssen der Metall- und Elektroindustrie. Zahlreiche Wettbewerber sind nach dem Flächentarifvertrag organisiert. Volkswagen ist beim tariflichen Entgeltniveau vergleichbar mit der Branche.

Gleichzeitig ist sich die IG Metall der schwierigen Situation bei Volkswagen bewusst. Bereits 2024 haben die Beschäftigten einen erheblichen Beitrag geleistet. Während in der Fläche 5,5 Prozent mehr Entgelt vereinbart wurden, wurde die entsprechende Entgeltsteigerung bei Volkswagen bis 2031 verschoben. Hinzu kamen teils schmerzhafte Einschnitte bei tariflichen Leistungen, unter anderem bei der Ergebnisbeteiligung und bei Sonderzahlungen. Damit haben die Beschäftigten der besonderen wirtschaftlichen Situation von Volkswagen bereits im vergangenen Tarifabschluss Rechnung getragen.

Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt und Verhandlungsführer für Volkswagen: „Wir wissen, dass Volkswagen vor großen Herausforderungen steht. Aber die Antwort darauf kann nicht lauten, die Beschäftigten gegen die Zukunft des Unternehmens auszuspielen. Volkswagen hat zuletzt Milliarden an seine Aktionäre ausgeschüttet. Die Gewinne, aus denen solche Ausschüttungen möglich werden, entstehen durch die Arbeit der Beschäftigten. Sie haben in den vergangenen Jahren bereits erhebliche Einschnitte getragen. Deshalb lässt sich die Zukunft von Volkswagen nicht überzeugend über immer neue Verzichtsappelle an diejenigen organisieren, die die Wertschöpfung des Unternehmens erwirtschaften. Wir brauchen eine faire Balance zwischen den Beschäftigten und der Verantwortung des Unternehmens sowie den Eigentümern.“

Er fügt an: „Zur Tarifrunde gehört für uns ebenso die Frage, welche industrielle Perspektive alle Werke über 2030 hinaus haben. Wir wollen für die Standorte verbindliche Zukunftsperspektiven schaffen!“

Daniela Cavallo, Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Volkswagen AG und Tarifkommissionsmitglied der IG Metall: „Unsere Haustarif-Beschäftigten haben im Mai 2024 die letzte Entgelterhöhung erhalten - also vor mehr als zwei Jahren. Seither steigen die Preise des täglichen Lebens vom Supermarkt über die Zapfsäule bis hin zu Versicherungstarifen. Das ist für unsere Kolleginnen und Kollegen nicht anders als bei allen anderen Beschäftigten. Jetzt geht es darum, unseren fairen Anteil zu fordern und gegenüber den anderen Ansprüchen - wie zum Beispiel denen unserer Aktionärinnen und Aktionäre - nicht zurückzustecken. Ich bin mir sicher, dass diese Tarifrunde eine harte Auseinandersetzung bringen wird. Umso wichtiger ist unser Forderungsgleichklang mit der Fläche der Metall- und Elektroindustrie."

Die strukturellen Probleme von Volkswagen liegen aus Sicht der IG Metall allerdings nicht bei den Entgelten. Die Personalaufwandsquote des Konzerns lag 2025 bei rund 15 Prozent - und das mit seit Jahren sinkender Tendenz. Daran hat der jüngste Verzicht im Haustarif entscheidenden Anteil. Ohnehin ist die Arbeitskostendiskussion oft irreführend. So hatte der Betriebsrat kürzlich vorgerechnet, dass selbst eine Halbierung des Haustarifs VW-Fahrzeuge nur rund fünf Prozent günstiger machen würde. Entscheidend sind vielmehr die Zukunftsfähigkeit der Produkte, das Innovationstempo und die Investitionen.

Auch die Kaufkraft der Beschäftigten ist ein wirtschaftlicher Faktor. Steigende Einkommen stärken die Binnennachfrage – und damit einen Markt, auf den auch Volkswagen angewiesen ist. Für das Geschäftsjahr 2025 wurden rund 2,6 Milliarden Euro an die Aktionäre ausgeschüttet. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die Beschäftigten erneut den Gürtel enger schnallen sollen. Sie haben bereits in erheblichem Umfang zur Stabilisierung und Zukunftssicherung des Unternehmens beigetragen. Was sie nicht leisten können, ist, strategische Probleme bei Produkten, Märkten und der technologischen Positionierung über ihre Einkommen auszugleichen.

Gröger führt aus: „Diese Tarifrunde wird hart, und sie wird voraussichtlich konfliktärer werden als die Auseinandersetzung von 2024. Die Tarifparteien können zwar viel bewegen, aber Tarifpolitik hat Grenzen. Die grundlegenden Rahmenbedingungen, unter denen Volkswagen und die gesamte Automobilindustrie in Deutschland um ihre Zukunft ringen, werden nicht zwischen IG Metall und Volkswagen ausgehandelt. Das ist Aufgabe der Politik. Die Politik kann diese Verantwortung nicht an die Tarifparteien delegieren. Sie muss ihren Teil jetzt liefern. Es ist schon viel zu viel Zeit ohne substanzielle Taten ins Land gegangen.“

Für die IG Metall endet die Verantwortung für die Zukunft von Volkswagen nicht am Werkstor und auch nicht am Verhandlungstisch. Die Automobilindustrie braucht in Deutschland und Europa verlässliche Bedingungen, unter denen sich Investitionen, Innovation und industrielle Wertschöpfung wieder lohnen. Dazu gehören wettbewerbsfähige Energie- und Netzkosten ebenso wie der beschleunigte Ausbau von Schienen, Straßen, Stromnetzen und Ladeinfrastruktur. Notwendig sind zudem öffentliche und private Investitionen in Zukunftstechnologien, Forschung und Entwicklung sowie in Schlüsseltechnologien wie Batterien, Software, Halbleiter und künstliche Intelligenz. Zugleich braucht es eine Regulierung, die Innovation ermöglicht, statt Investitionen zu verzögern.

Ebenso entscheidend ist die Frage des internationalen Wettbewerbs. Europäische Hersteller stehen Unternehmen gegenüber, die teilweise unter völlig anderen staatlichen Rahmenbedingungen produzieren und auf ihren Heimatmärkten wie im Export mit erheblichen staatlichen Unterstützungen auftreten. Die EU muss deshalb für einen fairen Wettbewerb sorgen und ihre handelspolitischen Instrumente konsequent nutzen, wenn Märkte durch Subventionen verzerrt werden. Zugleich braucht es eine europäische Industriepolitik, die heimische Wertschöpfung stärkt – etwa durch praktikable Local-Content- und „Made with Europe“-Regeln.

Gerade für Volkswagen geht es damit um mehr als Kosten. Es geht um die Fähigkeit, neue Technologien zu entwickeln, daraus wettbewerbsfähige Produkte zu machen und die dafür erforderlichen Wertschöpfungsketten in Deutschland und Europa aufzubauen. Bei diesen Fragen haben Beschäftigte und Unternehmen ein gemeinsames Interesse. Die IG Metall will deshalb auch über die Tarifrunde hinaus für bessere industriepolitische Rahmenbedingungen gegenüber der Politik in Berlin und Brüssel eintreten.

Die 5-Prozent-Forderung bildet zugleich den Ausgangspunkt für eine konfliktäre Tarifauseinandersetzung, die nach Ablauf der Friedenspflicht erforderlichenfalls auch mit Warnstreiks geführt werden kann. Eine Gewerkschaft kann ihre tariflichen Forderungen nur dann im Arbeitskampf durchsetzen, wenn zuvor eine konkrete tarifliche Forderung beschlossen und gegenüber der Arbeitgeberseite erhoben wurde. Die Forderung ist damit nicht nur Grundlage der Verhandlungen, sondern auch Voraussetzung für die Arbeitskampffähigkeit der IG Metall in dieser Tarifrunde. Sie muss deshalb zugleich verhandlungsfähig und durchsetzungsfähig sein. Ob Warnstreiks erforderlich werden, entscheidet sich am Verlauf der Verhandlungen.

Ein Termin für die Tarifverhandlungen steht derzeit noch nicht fest. Der Entgelttarifvertrag ist zum 31. Dezember gekündigt. Mit Ablauf der Friedenspflicht am 1. Januar kann die IG Metall ihre tariflichen Forderungen erforderlichenfalls auch mit Warnstreiks durchsetzen.

Der Haustarif der Volkswagen AG gilt für rund 130.000 Beschäftigte in der Volkswagen AG an den Standorten Braunschweig, Emden, Hannover, Kassel, Salzgitter und Wolfsburg. Zudem sind die drei sächsischen VW-Standorte Chemnitz, Dresden und Zwickau Teil des VW-Haustarifs. Er gilt gemessen an der Beschäftigtenzahl zusammen mit der Deutschen Bahn und der Deutschen Post als einer der größten Firmentarifverträge Deutschlands.

(Pressemitteilung des IG Metall Bezirks Niedersachsen und Sachsen-Anhalt)

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